Knappe 300.000 Einwohner, nationale Publicity durch Feinstaub, drei, vier brauchbare Lokale, die erträgliche Musik erklingen lassen, jeder kennt jeden und dennoch werden immer wieder neue Bekanntschaften geschlossen, berühmte Bands treten hier kaum auf – das ist Graz. Eine normale Kleinstadt, oder wie’s so schön heißt: „die kleinste Großstadt Mitteleuropas“. Im Grunde passiert hier nicht viel, aber, hey, eine Kleinstadt kann auch einmal Geschichte schreiben. In Graz wurde Geschichte geschrieben? Ja, Mann! Die österreichische Band Bilderbuch spielte nicht nur einmal, auch nicht zweimal, sondern ganze fucking DREIMAL hintereinander im Grazer Orpheum und ratet mal, wer sich das ganze Spektakel angesehen hat. Ich war für euch dreimal vor Ort. Spoiler: Ich würde es wieder machen, aber anders. 😀

Im Grunde haben Konzert-Trilogien etwas Schönes an sich: Man kann seinem Objekt der Begierde gleich dreimal näher kommen, wenn man einen schlechten Platz beim ersten Konzert ergattert hat, kann man sich beim nächsten einen besseren checken und man kann Konzerte beliebig nüchtern oder betrunken besuchen (aber dazu später).
Die Konzerte
Aus Prinzip komme ich zu jedem Konzert erst
zwischen 20:30 Uhr und 20:45 Uhr. „Aus Prinzip“ deshalb, weil die Vorband sowieso erst um 20:00 Uhr beginnt – egal, was auf dem Ticket steht – und ich den Suport wahrscheinlich eh nicht kenne. Konzerte mir nicht bekannter Bands können ermüdend sein und in die ersten Reihen schafft man es als kleiner Mensch auch ohne stundenlanges Warten – das war ein Fehler, der natürlich die nächsten Zweimal behoben wurde! Das Orpheum war gestopft voll mit Menschen, sodass ich wegen der geschossenen Garderoben mit Wintermantel im Konzertsaal stehen durfte und KOENIG war der Wahnsinn, ein großartiger Voract!!! Immerhin, ich war im vorderen Fünftel des Saals. 😀
Ich habe mir zu Beginn eigentlich erwartet, dass Bilderbuch auf die Idee kommen würde, bei jedem Gig unterschiedliche Songs zu spielen, dem war nicht so. Die vier Jungs haben jeden Abend die nahezu gleiche Choreographie geschauspielert, was im Endeffekt kein Problem war, in mir nichtsdestotrotz eine ziemliche Routine ausgelöst hat.
Die Choreo hat sich zwar nicht verändert, dafür umso mehr die Fans. Am ersten Tag waren genau die Leute da, die man persönlich nicht kennen will, richtige Groupies mit einem wirklich fiesen Schreiorgan, die (fast) geweint hatten, als sie Maurice Ernst auf der Bühne stehen sahen. Das ganze Konzert habe ich mehr Geschrei à la „Oh mein Gott, er ist so geil!“, „AAAAh so geil!“ als Musik gehört. Diesen Groupies darf man eines dennoch nicht unterstellen: Sie seien nicht hartnäckig. Nach der Zugabe blieben sie trotzdem im Konzertsaal stehen, brüllten nach einer weiteren Zugabe und stampften auf dem Boden, bis wir nach gefühlten 15 Minuten mit Maurice’ Worten „Ich frag mal, ob die Jungs nochmals rauskommen. Ist der Tontechniker noch da? Der wäre wichtig!“ eine zweite, quasi erbettelte, Zugabe sehen durften. Sie spielten den Song Moonboots, dieser war die nächsten zwei Tage ein bombenfester Bestandteil der Gigs, wobei sich die Band am zweiten Tag noch etwas Zeit ließ, bis sie ihren letzten Song spielten. Zurück zu den Fans: beim zweiten Konzert war eher die chillige Fraktion anwesend, wobei ich das nicht richtig beurteilen konnte, weil ich bei Gott sehr eklig unnüchtern war, und beim Dritten waren optisch die meisten Personen anwesend, machten aber nicht so viel Party.
Verändert haben sich aber nicht nur die Fans, sondern auch die Outfits der Künstler. Am ersten Tag noch eher leger angezogen, am Letzten stand Maurice dafür mit goldenem Anzug auf der Bühne und wirkte fast wie ein Prediger, als er Halleluja in die Menge schrie – er ist doch nicht ohne Grund zum bestangezogenen Mann Österreichs gekrönt worden.
Musikalisch können sich die Österreicher nicht mehr übertreffen – reine, zwar nicht massentaugliche aber, was viel wichtiger ist, eigene, Perfektion, außer ein paar kleinen Fehlern wie zum Beispiel „Sorry, Graz, ich muss das Lied neu anfangen. Der Autotune ist irgendwie falsch.“, aber das macht sie doch so menschlich.

Wieso ich alles anders angehen würde
Und weshalb habe ich in der Einleitung erwähnt, dass ich drei Konzerte nochmals mitmachen würde, aber anders? Ganz ehrlich? Drei Konzerte bringen einem als Bloggerin viel: An einem Tag sammelt man Eindrücke über das Konzert, am anderen fotografiert man die Künstler und am letzten lässt man sich volllaufen. Leider war meine Reihenfolge nicht dieselbe, wie hier beschrieben. Freitag lief
noch nach Plan, aber Samstag… Am Samstag war ich voller Euphorie, ich würde alles können, wäre jung, frisch, gesund und in der Annahme, ich könne eh immer um 10:00 Uhr aufstehen, egal wann, in welchen Zuständen und Uhrzeit ich nach Hause komme. Die Euphorie war komischerweise sonntags weg und ich habe mich schlichtweg zum Konzert gequält. Aber vergessen wir den Sonntag, an dem es mir dreckig ging, denn Samstag passierte noch etwas durchaus Erwähnenswertes. Auf eine nicht ganze legale Art und Weise war ich zufällig auf der Aftershow-Party von Bilderbuch und durfte dort die Jungs persönlich kennenlernen und mit ihnen quatschen. 🙂

Dennoch bin ich wirklich stolz ein Teil der Grazer Musik-Konzert-Geschichte gewesen zu sein und bin froh, dass ich die drei Tage nicht missen musste.

*Besten Dank an das Management für die Ermöglichung!
**Fotos und Text (c) Clarissa Berner